(c) Jürg Zimmermann Zürich

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Buchbesprechung am 20. März 2007: Martin Bruhin, Michael Bäbler, Maria & Veit Rosa (c) Eva Abbo

Foto aus dem Buch "Hermann Rosa - Skulpturales Bauen

(c) Peter Fehrentz Hamburg

Die 2. Auflage in Englisch ist per Mitte Oktober 2016 beim Niggli Verlag erschienen!

„Slow Architecture“ – Rosa’s architektonisches Werk war nicht seiner Zeit voraus, er hat die Moderne auf radikal subjektive und bildhauerische Weise rezipiert. Der Unterschied lag in der Bauweise: Die Ateliers haben zwar diesen industriell gefertigten Look, welcher die Moderne postulierte, Rosa’s Arbeitsweise war manuell und kontemplativ und dieser ging intensive Naturbeobachtung voraus.

Mit der Hängeweide duschen. – Das Buch dokumentiert Hermann Rosas architektonisches Werk: zwei Ateliers, sein Tageslichtstudio und seine Wohnung mit den Möbeln und 55 Plastiken. In langjähriger Forschungsarbeit und in Gesprächen mit Zeitzeugen ist das Buch entstanden und im Niggli-Verlag erschienen.

Herausgeber, Autor: Martin Bruhin, Aarau (martinbruhin.com)
Layout und grafische Gestaltung Buch, Plakat: Michael Bäbler, Zürich (michaelbäbler.ch)
Fotografien, Scans, Retusche: Jürg Zimmermann, Zürich (zimmermannfotografie.ch)
Wissenschaftliche Illustrationen: Seraina Bruhin-Spiess, Aarau (serainaspiess.com)
Buchrezension: Benedikt Kraft (bauverlag.de)

Hermann Rosa (1911–1981), dessen OEuvre neben figürlichen Plastiken drei Atelierhäuser, Entwürfe und eine Wohnungseinrichtung mit selbst entworfenen Möbeln umfasst, studierte an den Akademien in Prag und Dresden Kunst, ehe er in München 1954 diplomierte. Bereits im folgenden Jahr plante er mit Leidenschaft den Bau eines eigenen Ateliers. Für diese 14-jährige Bautätigkeit unterbrach er sein figürliches Schaffen vollständig. Zusammen mit der Familie und Freunden setzte er seine Architektur eigenhändig um, was er selbst „als wichtigste Erfahrung für die Plastik“ bezeichnete. Durch das skulpturale Bauen von Atelier und Möbeln schärfte er sein Raumverständnis, was sich an seinem Spätwerk – insbesondere den Porträts – zeigt. Für das architektonische Bauen fehlte ihm zunächst die Erfahrung, hatte er doch zuvor jahrelang mit Gips und Ton gearbeitet. Mit avantgardistischer Frische, großer Entdeckungslust und Erfindungsgabe plante und baute er zuerst die zwei Atelierhäuser an der Wallnerstraße für einen Bildhauerkollegen und sich. Rosa wollte einen Raum schaffen, in dem er künftig ungestört arbeiten konnte. Kurz vor Bauvollendung im Jahr 1959 verkaufte er dieses Atelier und suchte ein neues, stadtnäheres Grundstück. Das Ludwigsvorstadt-Viertel lag für die Familie Rosa ideal. Hermann Rosa schätzte die Urbanität und die Nähe zu Künstlerfreunden. So bezog er mit seiner Familie eine Wohnung in der Beethovenstraße, in der sich seine figürlichen Arbeiten und selbst entworfenen Möbel noch heute befinden. Rosa baute diese Mietwohnung, die vor seiner Intervention „kleinräumig, dunkel und erdrückend“ war, sorgfältig und entschieden um – im Gegensatz zu den Ateliers hat er sie aber nicht von Grund auf konzipiert und gebaut. Doch auch bereits hier zeigt sich die Rigorisität seiner ästhetischen Denkweise: Funktionalität wurde negiert, wenn sich sein ästhetisches Raumempfinden dagegenstellte. (….) Rosa entwarf das Atelier als begehbare Skulptur. Er baute wie ein Künstler, plante exakt, änderte aber ständig ab – was massive „Zeitverzögerungen“ zur Folge hatte – ohne dies als Änderungen sichtbar werden zu lassen. Erst im Jahre 1968 wurde das dritte Atelier fertig und Rosa konnte sein figürliches Schaffen dort wieder aufnehmen. Mit dem Fahrrad fuhr er von der Beethovenstraße durch den Englischen Garten zur Osterwaldstraße. Er frühstückte im Atelier, ließ sich vom Sonnenlicht an seine Arbeit heranführen. Morgens arbeitete er in den Jahren vor seinem Tod hauptsächlich an zwei Porträtköpfen. Nachmittags besuchte er Bibliotheken zum Studium. Er selbst verfügte über eine umfangreiche Sammlung an Kunstliteratur. Er forschte in den Bibliotheken und war im Austausch mit dem Kunsthistoriker Werner Haftmann und seinen Künstlerfreunden. Sein Leitspruch, dass man in der Kunst immer den schweren Weg gehen müsse, beruhte wohl auf seiner eigenen leidvollen Erfahrung mit ihr. Vom öffentlichen Kunstbetrieb hielt er sich fern, nachdem eines seiner Werke im Jahr 1955 in Fürth abgetragen wurde. Er hatte den Dichter Adalbert Stifter in seiner Sanftheit und Verletzbarkeit, auf der Wange liegend mit dem Blick über die Landschaft, überlebensgroß porträtiert. Zu Rosas Lebzeiten gab es nur vereinzelte Exponate in Museen. Sein Werk entstand aus sinnlicher Beobachtung von Alltäglichem, beispielsweise dem Aufwachsen seiner Tochter Eva, der Beziehung zu seiner Frau Maria und der Freundschaft zu Ludwig Spegel. Das Porträt seines besten Freundes entstand über elf Jahre und ist eine Überlagerung von „erlebter Beziehung“, die Plastik wurde immer wieder aus Neue überarbeitet und wirkt dennoch so, als wäre sie in einem Arbeitsgang enstanden. In Rosas Werk fehlt jegliche Pose. Erst bei genauerem Betrachten spürt man die Verdichtung, die lange intensive Arbeit. Rosa betont in seinen Texten, „eine Arbeit müsse immer, gleich wie lange man daran arbeite, aussehen, als sei man nur Stunden daran gewesen.“ Seine Arbeitsweise ließe sich mit „erlebt, beobachtet, gebaut“ beschreiben. Hierin zeigt sich wiederum eine Parallele zu seiner architektonischen Arbeit. Rosas Ateliers sind gewachsene Häuser, keine gebauten. Was seinem skulpturalen Bauen vorausging, war stets die intensive Naturbeobachtung und das Zeichnen nach der Natur. Er baute manuell, ohne Baumaschinen oder Kran. Der Aushub erfolgte wie bei archäologischen Ausgrabungen von Hand und der Transport mit Eimern zur Straße. Er umbaute die Natur und das Sonnenlicht auf eine Weise, die als Liebeserklärung an erstere spürbar wird. Er stellte das Räumliche und die Sachlichkeit voran und verzichtete auf Farbe, Schmuck und Modisches. Rosa ließ der Haustechnik ihren Raum, indem er die Leitungen exakt in Nischen „spazieren“ führte. Nichts ist aufgesetzt oder befestigt und es gab nur eine Bauphase, keine Verkleidungen. (….)

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